Ruhestand
14. August 2026
7 Min. Lesezeit

Entnahmeplan: warum die Reihenfolge der Renditen zählt

Kurzfassung

Die Durchschnittsrendite Ihres Depots sagt fast nichts darüber aus, ob Ihr Geld im Ruhestand reicht. Entscheidend ist die Reihenfolge, in der die guten und die schlechten Jahre kommen: Ein Einbruch während der Entnahmephase zwingt Sie, Anteile zu niedrigen Kursen zu verkaufen, und genau diese Anteile fehlen Ihnen, wenn sich der Markt wieder erholt. In der Ansparphase ist derselbe Einbruch harmlos und oft sogar nützlich. Das Risiko ballt sich deshalb in den Jahren rund um Ihren Ausstieg aus dem Beruf. Helfen können dagegen nur die unspektakulären Mittel: ein Puffer auf dem Tagesgeldkonto, Ausgaben, die sich vorübergehend kürzen lassen, eine niedrigere Entnahmerate zu Beginn und Einkommen, das nicht aus dem Depot kommt, allen voran die gesetzliche Rente.

A tablet lying on a desk displays a jagged green market line above blue and red volume bars.
Markets deliver their good and bad stretches in no particular order, and for someone drawing income the timing decides more than the average.

Zwei Personen gehen am selben Tag in den Ruhestand, mit dem gleichen Depotwert, entnehmen jedes Jahr denselben Betrag und erzielen über zwanzig Jahre exakt dieselbe Durchschnittsrendite. Die eine hinterlässt am Ende mehr Geld, als sie am Anfang hatte. Die andere steht im vierzehnten Jahr vor einem leeren Depot. Unterschieden hat die beiden allein die Reihenfolge, in der die guten und die schlechten Jahre kamen. Das ist das Renditereihenfolgerisiko, im Englischen Sequence of Returns Risk, und eine Durchschnittsrendite verbirgt es zuverlässig.

Der Durchschnitt kann identisch sein, der Weg nicht

Nehmen Sie eine Reihe von Jahresrenditen und mischen Sie sie durch. Der Durchschnitt ändert sich nicht, denn die Addition kennt keine Reihenfolge. Solange Sie nichts einzahlen und nichts entnehmen, bleibt sogar der Endwert derselbe, weil das Depot nur der Startbetrag ist, multipliziert mit dem Wachstumsfaktor jedes einzelnen Jahres, und auch die Multiplikation kennt keine Reihenfolge. Dieser eine Satz erklärt das ganze Problem. Erst wenn Geld ins Depot fließt oder daraus abfließt, fängt die Reihenfolge an zu zählen. Ab der ersten Entnahme trifft jede Jahresrendite auf einen anderen Depotstand, und aus Volatilität, die beim Ansparen nur unangenehm war, wird ein strukturelles Problem.

Ein Rechenbeispiel mit bewusst erfundenen Zahlen

Angenommen, jemand geht mit 500.000 € in den Ruhestand und plant, davon jedes Jahr 20.000 € zu entnehmen. Die Zahlen sind frei erfunden und nur so gewählt, dass man im Kopf mitrechnen kann. Im ersten Jahr fällt der Markt um 30 %. Aus 500.000 € werden 350.000 €, davon gehen 20.000 € für das Leben ab, und das zweite Jahr beginnt mit 330.000 €. Um von dort wieder auf 500.000 € zu kommen, braucht es einen Zuwachs von gut 50 %, obwohl der Rückgang selbst nur 30 % betrug. Geben Sie nun einer zweiten Person exakt dieselben Renditen in umgekehrter Reihenfolge, sodass der Einbruch von 30 % nicht im ersten, sondern im letzten Jahr eintritt. Wenn er kommt, liegen neunzehn Wachstumsjahre hinter ihr, und sie muss aus dem Rest nur noch wenige Jahre finanzieren. Gleicher Durchschnitt, gleiche Renditen, zwei völlig verschiedene Ruhestände. Der Unterschied liegt nicht darin, wie sich die Märkte entwickelt haben, sondern wann.

Der eigentliche Mechanismus: Sie müssen im Tief verkaufen

Am klarsten wird es, wenn Sie aufhören, in Euro zu denken, und anfangen, in Anteilen zu rechnen. Ihr Depot ist eine Anzahl von Fondsanteilen zu einem bestimmten Kurs, und jede Entnahme ist ein Verkauf von Anteilen. Steht der Kurs 30 % tiefer, müssen Sie für dieselben 20.000 € Einkommen erheblich mehr Anteile verkaufen als zum alten Kurs, und diese Anteile sind endgültig weg. Sie liegen nicht mehr im Depot, wenn der Kurs zurückkommt. Ein Rückgang in der Entnahmephase wirkt also doppelt: Er senkt den Wert dessen, was Sie halten, und er verkleinert dauerhaft die Menge. Der Markt kann sich vollständig erholen, Sie erholen sich nicht mit, weil Ihnen jetzt ein kleinerer Teil davon gehört. Wer im Tief nicht verkaufen muss, behält die Anteile und damit die Erholung. Auf diesen einen Satz zielt jede Schutzmaßnahme weiter unten.

Das FIFO-Prinzip macht den Notverkauf hierzulande zusätzlich teuer

In Deutschland kommt ein Detail dazu, das in englischsprachigen Texten fehlt. Beim Verkauf von Fondsanteilen aus einem Depot gilt das FIFO-Prinzip: Als verkauft gelten immer zuerst die ältesten Anteile. Sich auszusuchen, welche Anteile Sie hergeben, geht nicht. Die ältesten sind aber ausgerechnet die, die Sie am günstigsten gekauft haben, und damit die mit dem größten aufgelaufenen Kursgewinn. Der steuerpflichtige Gewinn ist bei einem Notverkauf also genau dann am größten, wenn Ihr Depotwert gerade eingebrochen ist.

Dazu kommt die Vorabpauschale, die vor allem bei thesaurierenden Fonds auch in Jahren ohne einen einzigen Verkauf Liquidität vom Verrechnungskonto zieht, während die Teilfreistellung bei Aktienfonds einen Teil des Gewinns steuerfrei stellt. Steuersätze, Freibeträge und Pauschalen ändern sich, deshalb steht hier bewusst keine einzige Zahl: Die aktuellen Werte finden Sie beim Bundesfinanzministerium, im Gesetzestext auf gesetze-im-internet.de oder bei Ihrem Finanzamt, und vor einer größeren Entnahme lohnt der Weg zur Steuerberaterin oder zum Steuerberater. Für die Planung reicht die Richtung: Ein erzwungener Verkauf im Tief kostet Sie Anteile und Steuer zur selben Zeit.

In der Ansparphase ist derselbe Einbruch fast ein Geschenk

Drehen Sie die Zahlungsrichtung um, und das Risiko dreht sich mit. Wer über einen ETF-Sparplan jeden Monat einzahlt, kauft Anteile, und ein niedriger Kurs heißt schlicht, dass Sie für dieselbe Sparrate mehr davon bekommen. Eine lange Schwächephase früh in der Ansparphase, gefolgt von einer Erholung, ist fast das Beste, was Ihnen passieren kann. Das ist die ehrliche Version dessen, was der Cost-Average-Effekt für Sie tut. Beunruhigend ist der Übergang. Dieselbe Person mit demselben ETF wechselt an dem Tag, an dem aus der Ansparphase die Entnahmephase wird, von der Hoffnung auf niedrige Kurse zur Angst davor. Genau deshalb behandelt die deutsche Frugalismus- und FIRE-Szene die Entnahmephase als eigene Planungsphase mit eigenen Regeln und nicht als bloße Fortsetzung des Sparplans.

Das Risiko ballt sich rund um Ihr letztes Gehalt

Das Reihenfolgerisiko verteilt sich nicht gleichmäßig über den Ruhestand. Es ballt sich in den Jahren kurz vor und kurz nach dem Ausstieg, aus zwei Gründen, die sich gegenseitig verstärken. Ihr Depot ist dann am größten, ein prozentualer Rückgang kostet also mehr Geld als je wieder danach. Und Ihr Spielraum zu reagieren ist am kleinsten, weil das Gehalt gerade weggefallen ist und ein Wiedereinstieg nach ein paar Jahren Pause schwerer fällt, als nie ausgestiegen zu sein. Zwanzig Jahre später sieht das Bild anders aus: Das Depot ist kleiner, die verbleibende Zeit kürzer, eine schlechte Phase hat weniger anzurichten. Deshalb kann ein Plan scheitern, der im langfristigen Durchschnitt bequem aussieht. Darüber, wie lange Ihr Geld reicht, entscheidet eben nicht nur die Tiefe der schlechten Jahre, sondern auch, in welchem Jahrzehnt sie liegen.

A brass-framed hourglass with white sand running sits on a wooden table against a grey wall.
The same bad year costs little while you are still paying in and dearly around the last payday, when time to recover has run out.

Was eine sichere Entnahmerate wirklich absichert

Die bekannteste Entnahmeregel geht auf Arbeiten des amerikanischen Finanzplaners William Bengen zurück, 1994 im Journal of Financial Planning veröffentlicht, und sie wurde gegen echte historische Renditereihen geprüft, nicht gegen einen Durchschnitt. Dieser Teil geht meistens verloren. Eine sichere Entnahmerate ist nicht die Rate, die in einem typischen Ruhestand funktioniert. Sie ist niedrig genug, um auch die schlechtesten Startjahre der Datenreihe überstanden zu haben, und das ist ausschließlich eine Frage der Reihenfolge. Nehmen Sie die Zahl also als Zusammenfassung eines Stresstests, nicht als Naturgesetz, und lesen Sie was die 4-Prozent-Regel verspricht und was nicht, bevor Sie sich darauf stützen. Für deutsche Leser kommt ein Vorbehalt dazu: Die Regel stammt aus US-Daten, mit US-Steuern und ohne die Kosten eines hiesigen Depots, was ein Grund mehr ist, sie als Ausgangspunkt zu behandeln und nicht als Zielwert.

Tagesgeld als Puffer kauft Zeit, keine Rendite

Die gängigste Absicherung ist ein Puffer aus sofort verfügbarem Geld, oft ein bis drei Jahresausgaben auf einem Tagesgeldkonto, in einer Festgeldleiter oder in kurzlaufenden Anleihen. Daraus leben Sie in einer schlechten Phase, statt Aktien zu verkaufen. Guthaben auf dem Tagesgeld- und Festgeldkonto fällt hierzulande unter die gesetzliche Einlagensicherung, Anleihen dagegen nicht. Ihre Rendite erhöht der Puffer ohnehin nicht. Er kauft Ihnen das Recht, im ungünstigsten Moment nicht verkaufen zu müssen, und genau dieser Zwang war der Schaden aus dem vorigen Abschnitt. Rechnen Sie den Preis dafür trotzdem ehrlich ein. Geld auf dem Tagesgeldkonto arbeitet nicht im Markt mit, über einen langen Ruhestand ist dieser Bremseffekt spürbar, und die Inflation nagt zusätzlich an der Kaufkraft des Puffers. Sie zahlen kleine bekannte Kosten, um große unbekannte zu vermeiden. Das ist ein vernünftiges Tauschgeschäft, aber es bleibt ein Tausch.

Ausgaben, die sich kürzen lassen, schlagen das cleverere Depot

Wenn Sie Ihre Entnahme in einem schlechten Jahr senken können, und sei es nur ein wenig, verkaufen Sie weniger Anteile im Tief, und genau darum geht es. Manche legen die Regel vorher schriftlich fest: In jedem Jahr, in dem das Depot gefallen ist, entfällt der Inflationsausgleich auf die Entnahme, oder nach einem starken Einbruch wird ein fester Anteil der verzichtbaren Ausgaben gestrichen. So etwas in Ruhe zu entscheiden, ist ungleich leichter, als mitten im Crash darüber nachzudenken. Nebenbei verrät Ihnen die Übung etwas über Ihren Plan. Wenn sich in Ihrem Haushaltsbudget nichts findet, das Sie zwölf Monate lang aussetzen könnten, hat Ihr Plan überhaupt keinen Stoßdämpfer.

Einkommen von außerhalb des Depots ist der stärkste Hebel

Einkommen, das während eines Einbruchs weiterläuft, leistet dasselbe wie ein Cash-Puffer, ohne dessen Bremswirkung. Ein Teilzeitjob senkt die Zahl der Anteile, die Sie zu niedrigen Kursen verkaufen müssen, und ein Jahr später aufzuhören wirkt genauso. Die größte Quelle dieser Art ist hierzulande für die meisten die gesetzliche Rente, und was davon zu erwarten ist, steht in der jährlichen Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung. Betriebsrente und private Verträge rechnen Sie selbst dazu, die Digitale Rentenübersicht führt inzwischen alle drei Säulen an einer Stelle zusammen. Ziehen Sie diese Beträge zuerst von Ihrem Ausgabenbedarf ab, bevor Sie überhaupt eine Entnahmerate für das Depot festlegen. Nur die verbleibende Rentenlücke muss das Depot tragen, und je kleiner sie ist, desto weniger kann Ihnen die Reihenfolge der Renditen anhaben. Aus demselben Grund sind Coast FIRE und Modelle mit Teilerwerbstätigkeit stabiler, als sie auf dem Papier wirken: Sie lassen eine Geldquelle offen, die nicht das Depot ist. Niemand plant gern damit, arbeiten zu müssen. Die Option zu haben, ist trotzdem mehr wert als die meisten Umbauten im Depot.

Was das Problem nicht löst

Ein besserer Fonds löst es nicht. Das Reihenfolgerisiko hängt nicht davon ab, welche Werte Sie halten, sondern davon, dass Ihre Entnahmen auf einen bestimmten Kursverlauf treffen, und einen Verlauf hat jedes noch so breit gestreute Depot. Rechtzeitig vor dem Einbruch alles auf Tagesgeld zu schieben, funktioniert hervorragend, sobald Ihnen jemand zuverlässig sagt, wann der Einbruch anfängt. Und der Griff zu besonders hohen Ausschüttungen, damit Sie nie Anteile verkaufen müssen, klingt nach einer Lösung und ist oft keine: Die höchsten Ausschüttungsrenditen hängen häufig an den wackeligsten Zahlern.

Einen Weg gibt es, der das Risiko wirklich weiterreicht, statt es zu verkleinern. Wer einen Teil des Vermögens gegen eine lebenslange Zahlung eintauscht, etwa über eine Sofortrente bei einem Versicherer, verschiebt das Reihenfolgeproblem in dessen Bilanz. Wie viel monatliche Rente je 10.000 € Kapital fließt, steht als Rentenfaktor im Angebot und im Produktinformationsblatt, und die Anbieter stehen unter der Aufsicht der BaFin. Bezahlt wird das mit Flexibilität, denn die Entscheidung ist in aller Regel unumkehrbar, und ohne vereinbarte Dynamik verliert die Zahlung über einen langen Ruhestand an Kaufkraft. Darüber sprechen Sie mit einer Beraterin oder einem Berater und nicht mit einer Webseite. Ob eine Zulassung vorliegt, können Sie im Vermittlerregister der Industrie- und Handelskammern nachschlagen.

Testen Sie den Start, nicht den Durchschnitt

Stellen Sie Ihrem Plan eine andere Frage. Nicht: Welche Durchschnittsrendite brauche ich? Sondern: Was passiert, wenn die drei schlechtesten Jahre, die ich mir vorstellen kann, meine ersten drei sind? Rechnen Sie den Plan einmal in dieser Reihenfolge durch und sehen Sie nach, ob er das übersteht. Wenn nicht, haben Sie das Problem gefunden, solange Sie noch etwas dagegen tun können, und das ist der einzige Grund hinzuschauen. Ganz konkret für diese Woche: Ermitteln Sie, wie viele Jahresausgaben Sie decken könnten, ohne einen einzigen Fondsanteil zu verkaufen, und fragen Sie sich, ob diese Zahl reichen würde, wenn der Markt im Monat nach Ihrem letzten Gehalt stark fällt. Wenn nicht, sind alle verfügbaren Hebel unspektakulär: mehr Tagesgeld, eine niedrigere Entnahmerate zu Beginn oder Einkommen, das weiter von außerhalb des Depots kommt. Keiner davon ist eine Fondsauswahl, und genau darauf kommt es an.

Prüfen Sie Ihren Entnahmeplan mit dem Rechner zur Renditereihenfolge

Zusammenfassung

Zwei Ruheständler mit derselben Durchschnittsrendite stehen am Ende ganz unterschiedlich da. Die Reihenfolge der Renditen entscheidet, ob Ihr Entnahmeplan aufgeht.


Federico Romaldi

Verfasst von

Federico Romaldi

Mitgründer, Worthmap

Veröffentlicht: 14. August 2026

Federico ist Mitgründer von Worthmap, einer Vermögensplattform für Anleger, die es ernst meinen. Er kommt aus der Softwareentwicklung und ist seit Langem vom Value Investing überzeugt. Worthmap hat er gebaut, um die Lücke zwischen Vermögensübersicht und Anlageanalyse zu schließen.

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Nur zu Bildungszwecken. Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Finanz-, Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Worthmap ist ein Tool zur Vermögensverfolgung und -analyse, kein registrierter Anlageberater oder Broker-Dealer. Märkte sind mit Risiken verbunden und vergangene Wertentwicklungen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Führen Sie stets Ihre eigene Recherche durch und konsultieren Sie einen qualifizierten Finanzberater, bevor Sie Anlageentscheidungen treffen.