31. Oktober 2026
9 Min. Lesezeit

Verschuldungsgrad: Wie viel Schulden sind zu viel?

Kurzfassung

Der Verschuldungsgrad teilt das geliehene Geld eines Unternehmens durch das Eigenkapital der Aktionäre laut Bilanz. Hat ein Unternehmen 300 Millionen Euro Schulden und 500 Millionen Euro Eigenkapital, liegt der Wert bei 0,6: Auf jeden Euro der Eigentümer kommen 60 Cent von Kreditgebern. Allein sagt die Zahl wenig. Ziehen Sie deshalb die Kasse ab, dann erhalten Sie die Nettoverschuldung. Prüfen Sie außerdem den Zinsdeckungsgrad (operatives Ergebnis geteilt durch Zinsen): Er zeigt, ob die Gewinne die Schulden tragen können. Versorger und Banken arbeiten üblicherweise mit viel mehr Fremdkapital als Softwarefirmen. Vergleichen Sie daher immer innerhalb der Branche und mit der eigenen Vergangenheit. Ein hoher Wert ist eine Frage, der Sie nachgehen, kein Urteil.

Ein gedruckter Kreditvertrag liegt auf einem Holztisch, der Titel steht in großen Buchstaben darauf.
Der Anhang zum Jahresabschluss führt jeden Kredit auf, mit Zinssatz und Fälligkeit.

Schulden sind nichts Schlechtes. Fast jedes Unternehmen, das Sie kennen, leiht sich Geld, und viele leihen sich sehr viel, ohne je in Schwierigkeiten zu geraten. Gefährlich wird es für Aktionäre erst, wenn der Betrieb die Last in schlechten Zeiten nicht mehr tragen kann. Der Verschuldungsgrad ist der erste, grobe Blick darauf, wie viel eines Unternehmens mit geliehenem Geld finanziert ist. Der Rest dieses Textes handelt davon, was diese Zahl verschweigt.

Was der Verschuldungsgrad misst

Ein Unternehmen bezahlt alles, was es besitzt, mit zwei Arten von Geld. Ein Teil kommt von Kreditgebern: Banken, Anleihegläubigern, allen, die ihr Geld mit Zinsen und zu festen Terminen zurückerwarten. Der Rest gehört den Aktionären, entweder weil sie ihn bei der Ausgabe der Aktien eingezahlt haben oder weil das Unternehmen Gewinne einbehalten statt ausgeschüttet hat. Der Verschuldungsgrad, oft kurz D/E (englisch debt to equity) genannt, setzt die erste Sorte ins Verhältnis zur zweiten. Der Unterschied zählt, weil sich beide in einem schlechten Jahr völlig verschieden verhalten. Aktionäre kann man vertrösten: Verschwinden die Gewinne, wird die Dividende gekürzt, und niemand kann das Unternehmen zur Zahlung zwingen. Kreditgeber kann man nicht vertrösten. Zinsen sind zu festen Terminen fällig, der Kredit muss an einem festen Tag zurückgezahlt oder neu finanziert werden, und wer diese Termine verpasst, kann die Kontrolle über die Firma an die Gläubiger verlieren. Je mehr vom Geschäft auf geliehenem Geld ruht, desto weniger Spielraum bleibt den Aktionären, bevor es so weit kommt.

So berechnen Sie ihn, mit Beispiel

In Worten: Sie nehmen die gesamten Finanzschulden des Unternehmens und teilen sie durch das gesamte Eigenkapital. Nehmen wir an, Unternehmen A hat 300 Millionen Euro geliehen, Bankkredite und Anleihen zusammengerechnet, und seine Bilanz weist 500 Millionen Euro Eigenkapital aus. 300 geteilt durch 500 ergibt 0,6. Manchmal sehen Sie dafür auch 60 %. In beiden Fällen heißt das: Auf jeden Euro, der den Eigentümern gehört, haben Kreditgeber 60 Cent gegeben.

Gemeint ist hier das Eigenkapital laut Bilanz, nicht der Börsenwert der Aktien. Es ist dieselbe Zahl, die hinter dem Buchwert je Aktie steckt. Das hat weiter unten Folgen, denn das bilanzielle Eigenkapital kann durch Dinge schrumpfen, die mit der Gesundheit des Geschäfts nichts zu tun haben. Beachten Sie außerdem: Beim Zähler des Bruchs sind sich die Quellen nicht einig. Manche teilen alle Verbindlichkeiten durch das Eigenkapital, und dann zählen auch Lieferantenschulden, Steuerschulden und Kundenanzahlungen mit. Andere nehmen nur die verzinslichen Finanzschulden. Die erste Variante liefert für dasselbe Unternehmen eine viel größere Zahl. Hinzu kommt der Sprachgebrauch: In vielen deutschen Lehrbüchern und auf Finanzportalen heißt Fremdkapital geteilt durch Eigenkapital Verschuldungsgrad, während Fremdkapital geteilt durch Gesamtkapital meist Fremdkapitalquote genannt wird. Keine Variante ist falsch. Dieser Text rechnet mit den Finanzschulden geteilt durch das Eigenkapital. Zahlen von zwei Websites sind aber nur vergleichbar, wenn Sie wissen, welche Formel jede benutzt hat, und viele Datenportale verraten das nicht.

Nettoverschuldung: Warum die Kasse das Bild verändert

Zurück zu Unternehmen A. Angenommen, es hält außerdem 100 Millionen Euro in bar und kurzfristigen Einlagen. Theoretisch könnte es morgen ein Drittel seiner Schulden tilgen. Ziehen Sie die Kasse von den Schulden ab, erhalten Sie die Nettoverschuldung: 300 minus 100 sind 200 Millionen Euro. Geteilt durch dieselben 500 Millionen Euro Eigenkapital ergibt sich ein Netto-Verschuldungsgrad von 0,4. Manche Unternehmen haben mehr Geld in der Kasse, als sie schulden. Ihre Nettoverschuldung ist dann negativ, sie haben schlicht eine Nettoliquidität. Im englischen Sprachraum ist dafür oft das Wort Gearing üblich, meist die Nettoverschuldung als Anteil am Eigenkapital; ein Gearing von 40 % entspräche also den 0,4 von oben. Lesen Sie die Definition trotzdem im jeweiligen Bericht nach, denn nicht alle rechnen Gearing gleich (manche teilen durch das gesamte eingesetzte Kapital statt durch das Eigenkapital). Die Nettoverschuldung ist außerdem die Brücke zu einem weiteren Blick darauf, was ein Unternehmen wert ist. Addieren Sie sie zum Börsenwert der Aktien, erhalten Sie ungefähr den Unternehmenswert, den Preis des ganzen Betriebs samt dem, was er schuldet. Warum sich dadurch das Bild eines Unternehmens ändert, erklärt der Artikel über Unternehmenswert und Marktkapitalisierung.

Zinsdeckung: Können die Gewinne die Schulden tragen?

Der Verschuldungsgrad vergleicht zwei Zahlen aus der Bilanz. Er sagt nicht, ob das Unternehmen genug verdient, um seine Kredite zu bedienen, und genau das interessiert Kreditgeber am meisten. Diese Frage beantwortet der Zinsdeckungsgrad. Nehmen Sie das operative Ergebnis, oft als EBIT (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) bezeichnet, und teilen Sie es durch den Zinsaufwand desselben Jahres.

Angenommen, Unternehmen A hat 60 Millionen Euro operatives Ergebnis erzielt und 15 Millionen Euro Zinsen gezahlt. 60 geteilt durch 15 ergibt einen Zinsdeckungsgrad von 4: Das Ergebnis dürfte um drei Viertel einbrechen, bevor es die Zinsen nicht mehr deckt. Nun stellen Sie sich vor, die Kredite werden bei höheren Zinsen verlängert und die Zinslast verdoppelt sich auf 30 Millionen Euro. Die Deckung sinkt auf 2. Drückt ein schwaches Jahr das operative Ergebnis dann auf 40 Millionen Euro, liegt sie bei 1,3, und zwischen den Aktionären und einem unangenehmen Gespräch mit der Bank bleibt kaum noch Luft. Der Verschuldungsgrad hat sich in dieser Geschichte kein bisschen bewegt.

Deshalb gehören die beiden Kennzahlen zusammen. Der Zins, den ein Unternehmen auf seine Kredite zahlt, sind die Fremdkapitalkosten. Sie steigen tendenziell mit der Schuldenlast, weil Kreditgeber für mehr Risiko mehr verlangen. Schauen Sie auch im Anhang nach dem Fälligkeitsplan: Eine kleine Schuldensumme, die komplett nächstes Jahr fällig wird, kann unangenehmer sein als eine größere, die sich über fünfzehn Jahre verteilt.

Warum manche Branchen von Schulden leben

Ein Wasser-, Strom- oder Gasnetz ist der klassische Großkreditnehmer. Seine Einnahmen sind stabil, weil Menschen ihre Rechnungen auch in der Rezession zahlen, die Preise werden oft von einer Regulierungsbehörde festgelegt oder geprüft, und die Anlagen (Leitungen, Kabel, Kraftwerke) halten Jahrzehnte. Kreditgeber leihen gern gegen so planbare Einnahmen, deshalb kann ein Verschuldungsgrad deutlich über 1 in dieser Branche normal sein. Immobilienunternehmen und Infrastrukturbetreiber funktionieren ähnlich: Sie leihen sich Geld gegen Gebäude oder Mautstraßen, die Jahr für Jahr Mieten oder Gebühren einbringen.

Mehrere gelbe Turmdrehkrane ragen auf einer Baustelle in einen blassen Himmel.
Geliehenes Geld erweitert, was ein Unternehmen bauen kann, und derselbe Hebel vergrößert die Verluste, wenn es schlecht läuft.

Banken sind ein ganz anderer Fall, und die übliche Kennzahl passt auf sie kaum. Fremdkapital ist bei einer Bank kein Nebeneffekt des Geschäfts, es ist das Geschäft. Kundeneinlagen sind Verbindlichkeiten, die die Bank wieder verleiht. Nach der gewöhnlichen Rechnung wirkt fast jede Bank enorm verschuldet. Man beurteilt sie deshalb über Kapitalquoten, die die Aufsicht vorgibt und die Banken veröffentlichen, ein eigenes Thema. Versicherer haben ein ähnliches Problem, weil das Geld für künftige Schadenfälle auf der Passivseite steht.

Am anderen Ende steht ein Softwareunternehmen, eine Beratung oder ein Markenhersteller, die meist wenig Schulden brauchen. Ihr Vermögen sind Menschen und Ideen, die eine Bank nicht pfänden kann, und ihre Einnahmen können stark einbrechen, wenn Kunden gehen. Ein Wert, der bei einem Versorger gewöhnlich ist, könnte dort ein echtes Warnsignal sein. Fair ist immer der Vergleich mit der eigenen Geschichte des Unternehmens und mit den wenigen Firmen, die wirklich dasselbe tun.

Wann die Kennzahl in die Irre führt

Negatives Eigenkapital macht die Kennzahl unbrauchbar. Es entsteht, wenn die Verbindlichkeiten in den Büchern höher sind als das Vermögen, und der Verschuldungsgrad wird dann zu einer negativen Zahl, die nichts bedeutet. Dahin führen zwei sehr verschiedene Wege. Der eine sind jahrelange Verluste, die das Geld der Aktionäre aufzehren, ein ernstes Warnsignal. Der andere sind hohe Aktienrückkäufe, manchmal mit geliehenem Geld finanziert, die das bilanzielle Eigenkapital senken, obwohl das Geschäft weiter gut verdient. Sagen wir, Unternehmen B hat 400 Millionen Euro Schulden und nach Jahren der Rückkäufe ein Eigenkapital von minus 50 Millionen Euro. Sein Verschuldungsgrad beträgt minus 8, eine Zahl, die Sie mit nichts vergleichen können. Bei so einem Unternehmen sagen der Zinsdeckungsgrad und das Verhältnis der Schulden zum Cashflow weit mehr.

Leasing ist die zweite Falle. Seit 2019 zeigen Unternehmen, die nach IFRS bilanzieren, die meisten Leasingverhältnisse (Läden, Büros, Flugzeuge) als Verbindlichkeiten in der Bilanz. Wer nach HGB bilanziert, tut das beim Leasingnehmer in der Regel nicht. Manche Datenanbieter rechnen diese Leasingverbindlichkeiten zu den Schulden, andere lassen sie weg. Ein Händler oder eine Fluggesellschaft kann deshalb je nach Quelle zwei sehr unterschiedliche Werte haben. Die dritte Falle ist der Zeitpunkt: Die Bilanz ist eine Momentaufnahme an einem einzigen Tag, und ein Unternehmen, das kurz vor dem Jahresende viel Geld einsammelt, kann an diesem Tag weniger Nettoverschuldung zeigen, als es im restlichen Jahr trägt.

Und schließlich: Wenig Schulden sind nicht automatisch eine Tugend. Ein Unternehmen ganz ohne Schulden ist nicht zwangsläufig stärker. Kredit kann eine günstigere Art sein, Wachstum zu bezahlen, als neue Aktien auszugeben, und das fließt in die gesamten Kapitalkosten ein. Ein schrumpfendes Geschäft kann außerdem einen sinkenden Verschuldungsgrad zeigen, nur weil es aufgehört hat zu investieren. Die Richtung über fünf Jahre sagt meist mehr als ein einzelnes Jahr. Steigende Schulden bei stagnierenden Gewinnen sind eine Frage, der man nachgehen sollte. Steigende Schulden, die Anlagen finanziert haben, die jetzt Geld verdienen, sind eine andere Geschichte.

Wo Sie die Zahlen im Geschäftsbericht finden

Alles beginnt in der Bilanz. Die Finanzschulden stehen auf der Passivseite, meist in kurzfristige (innerhalb eines Jahres fällig) und langfristige getrennt, und Sie addieren beide. Nach HGB finden Sie sie als Anleihen und Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten, bei IFRS-Abschlüssen als Finanzverbindlichkeiten. Zahlungsmittel und Zahlungsmitteläquivalente stehen im Umlaufvermögen (nach HGB als Kassenbestand und Guthaben bei Kreditinstituten). Das Eigenkapital steht ebenfalls auf der Passivseite, nach HGB als erster Posten; gibt es eine Zeile für Anteile anderer Gesellschafter (Minderheitsanteile), prüfen Sie, ob Ihre Quelle sie einrechnet, denn manche tun es und manche nicht. Den Zinsaufwand finden Sie in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV), oft in einer Zeile wie Finanzaufwendungen, Zinsaufwand oder (nach HGB) Zinsen und ähnliche Aufwendungen, und der Anhang listet jeden Kredit mit Zinssatz und Rückzahlungstermin auf. Viele Unternehmen nennen ihre Nettoverschuldung außerdem selbst am Anfang des Geschäftsberichts; lesen Sie, wie sie sie abgrenzen. Auf der Seite der Zahlungsströme zeigt die Kapitalflussrechnung, ob das Unternehmen genug Free Cash Flow erwirtschaftet, um Schulden abzubauen, ohne neue aufzunehmen.

Die Schulden sind nur ein Teil der Bilanzstärke. Die kurzfristige Zahlungsfähigkeit, also ob das Umlaufvermögen die Rechnungen der nächsten zwölf Monate deckt, misst die Current Ratio (Liquidität 3. Grades), die Ihnen der Rechner unten ausrechnet. Und die Schulden fließen direkt in die Bewertung ein, wie die Übersicht zu Bewertungskennzahlen zeigt.

Kurzfristige Liquidität prüfen mit dem kostenlosen Current-Ratio-Rechner

Die Schuldenzahlen in der Praxis nutzen

Eine sinnvolle Routine dauert zehn Minuten pro Unternehmen. Berechnen Sie den Verschuldungsgrad, dann den Netto-Verschuldungsgrad, dann den Zinsdeckungsgrad. Tun Sie das für die letzten fünf Jahre, nicht nur für das letzte. Legen Sie das Ergebnis dann neben zwei oder drei Unternehmen derselben Branche. Weichen die Zahlen deutlich ab, lesen Sie im Anhang die Angaben zu den Schulden und finden Sie heraus, warum. Oft gibt es einen einfachen Grund, etwa eine Übernahme, die mit Krediten bezahlt wurde und schon abgebaut wird. Manchmal gibt es keinen, und auch das ist gut zu wissen.

Auf der Worthmap-Seite zur Aktienanalyse können Sie diese Zahlen für echte Unternehmen nachschlagen, zusammen mit einer Punktzahl von höchstens 36, die nach festen Regeln in sechs Bereichen vergeben wird, darunter die finanzielle Stärke. Sie ist das Ergebnis einer Checkliste, kein Tipp zum Kaufen oder Verkaufen.

Nur zur Information und Weiterbildung, keine Empfehlung, ein Wertpapier zu kaufen oder zu verkaufen.

Zusammenfassung

Was der Verschuldungsgrad (Fremdkapital zu Eigenkapital) misst, wie Sie ihn aus der Bilanz berechnen und warum Nettoverschuldung und Zinsdeckung mehr sagen.


Federico Romaldi

Verfasst von

Federico Romaldi

Mitgründer, Worthmap

Veröffentlicht: 31. Oktober 2026

Federico ist Mitgründer von Worthmap, einem Nettovermögens-Tracker für mehrere Währungen mit kostenlosen Rechnern für Anleger. Er schreibt die Artikel der Website über Value Investing, Fundamentalanalyse und Vermögen, das sich auf mehrere Währungen verteilt. Er ist kein zugelassener Finanzberater.

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