Optionen
14. August 2026
8 Min. Lesezeit

Optionsgriechen erklärt: Delta, Gamma, Theta, Vega

Kurzfassung

Jede Kennzahl beantwortet eine einzige, eng gefasste Frage zum Optionspreis. Das Delta sagt, wie stark die Option dem Aktienkurs folgt, das Gamma, wie schnell sich dieses Delta selbst verändert, das Theta, was der Kalender pro Tag vom Zeitwert abzieht, und das Vega, wie empfindlich der Preis auf die erwartete künftige Schwankung reagiert. Das Rho hängt am Zinsniveau und darf im Alltag meist ganz hinten stehen. Alle fünf werden aus einem Bewertungsmodell gerechnet und nicht am Markt gemessen, und jede gilt nur für einen Augenblick, in dem alles andere stillsteht. Wer Optionen kauft, statt sie zu verkaufen, dessen Ergebnis hängt fast immer am Theta und am Vega, nicht am Delta.

A hand with a wristwatch points at an upward arrow sketched over a candlestick chart on a vertical monitor, with more charts on a screen behind.
The finger is on the direction of the chart, which is delta's territory, but that is only one of the five dials moving an option's price.

Die Optionsgriechen sind weder eine Strategie noch eine Prognose. Jede einzelne Kennzahl beantwortet eine eng gefasste Frage: Wenn sich ein einziger Einflussfaktor ändert und alles andere stillsteht, wie stark bewegt sich dann der Optionspreis? Das Delta beantwortet sie für den Aktienkurs. Das Theta beantwortet sie für den Kalender. Nehmen Sie die Kennzahlen einzeln durch, und die Optionskette ist keine Zahlenwand mehr, sondern eine Reihe von Stellschrauben. Jede davon entscheidet mit, was Sie bezahlt haben und was am Ende zurückkommt.

Warum ein einziger Preis fünf Kennzahlen braucht

Bei einer Aktie verfolgen Sie eine einzige Zahl. Eine Option hat mehrere bewegliche Teile, die auf einen einzigen Preis einwirken, und an einem beliebigen Tag können sie in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Der Kurs steigt genau so, wie Sie es sich gewünscht haben, und Ihr Call schließt trotzdem tiefer, weil gleichzeitig ein Tag Zeitwert abgeschmolzen ist und die Erwartung künftiger Schwankungen abgekühlt ist. Ohne ein Werkzeug, das diese Kräfte trennt, können Sie nur raten, woran es lag. Genau dafür gibt es die Optionsgriechen: Sie zerlegen eine verwirrende Preisänderung in benannte Teile, die Sie jeweils einer Ursache zuordnen können.

Delta: wie stark die Option dem Aktienkurs folgt

Das Delta lernen Sie zuerst, und Sie werden es am häufigsten brauchen. Es sagt Ihnen ungefähr, um wie viel sich der Optionspreis ändert, wenn sich die Aktie um einen Euro bewegt. Nehmen wir einen Call mit einem Delta von 0,60, eine runde Zahl, die hier allein der Veranschaulichung dient. Die Aktie steigt um 1 €, der Call gewinnt rund 0,60 €. Fällt sie um 1 €, gibt er das meiste davon wieder her. Calls haben ein positives Delta, weil sie bei steigenden Kursen gewinnen, Puts ein negatives, weil sie bei fallenden gewinnen.

Das Delta sagt Ihnen außerdem grob, wie viel Aktienrisiko in der Position steckt. An der Eurex, der Terminbörse in Eschborn, an der auch die Optionen auf die DAX-Werte gehandelt werden, bezieht sich ein Aktienkontrakt in aller Regel auf 100 Aktien; verbindlich steht die Kontraktgröße in den Kontraktspezifikationen der Eurex und nicht in der Maske Ihres Brokers. Ein Kontrakt mit einem Delta von 0,40 verhält sich bei kleinen Bewegungen also ungefähr wie 40 Aktien im Depot. Weil das Delta von nahe 0 bei einer weit aus dem Geld liegenden Option bis nahe 1 bei einer tief im Geld liegenden reicht, lesen viele es zusätzlich als Anhaltspunkt dafür, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kontrakt am Ende einen inneren Wert hat. Eine brauchbare Faustregel, keine exakte Wahrscheinlichkeit.

Gamma: wie schnell sich das Delta selbst verändert

Das Delta ist keine feste Eigenschaft des Kontrakts. Es wandert mit dem Kurs, und das Gamma misst genau diese Wanderung. Ein hohes Gamma heißt: Ihr Delta ist instabil. Steigt die Aktie auch nur mäßig, kann sich eine Position, die sich morgens wie 40 Aktien verhalten hat, bis mittags wie 70 verhalten. Am größten ist das Gamma bei Optionen, die nahe am Basispreis liegen und kaum noch Restlaufzeit haben, also ausgerechnet dann, wenn viele Anleger die Lage für ruhig halten. Es ist auch der mechanische Grund dafür, dass eine verkaufte Option weit mehr wehtun kann, als die vereinnahmte Prämie vermuten lässt. Das Delta des Verkäufers dreht sich umso schneller gegen ihn, je weiter der Kurs läuft, sodass der Verlust nicht gleichmäßig wächst, sondern beschleunigt.

Theta: der Zeitwert, der beim Warten abschmilzt

Eine Option mit drei Monaten Restlaufzeit ist mehr wert als dieselbe Option mit drei Tagen Restlaufzeit, weil mehr Zeit mehr Gelegenheit bedeutet, dass die Aktie ein Niveau erreicht, das sich auszahlt. Der Optionspreis besteht aus zwei Teilen, dem inneren Wert und dem Zeitwert, und unter genau diesen beiden Namen finden Sie ihn auch in der Optionskette Ihres Brokers aufgeschlüsselt. Das Theta beziffert, was der Kalender pro Tag vom Zeitwert abzieht. Für den Käufer ist es an jedem einzelnen Tag negativ, auch am Wochenende und an Tagen, an denen an der Börse nichts passiert. Gleichmäßig ist dieser Abfluss nicht. Er beschleunigt zum Verfallstag hin, weshalb eine kurz laufende Option die Bewegung bald braucht und nicht irgendwann. Kein anderer Grieche erwischt Einsteiger so oft: Ihre Einschätzung stimmte, die Aktie bewegte sich in Ihre Richtung, und die Option stand am Freitag trotzdem tiefer, weil der Zeitwert schneller abgeflossen ist, als der innere Wert aufgebaut wurde. An der Analyse war nichts falsch. Sie hatten nur etwas gekauft, das Ihnen für jeden Haltetag still eine Rechnung schrieb.

Vega: was Sie für erwartete Bewegung bezahlen

Das Vega misst, um wie viel sich der Optionspreis ändert, wenn die implizite Volatilität um einen Prozentpunkt steigt oder fällt. Dahinter steht die gemeinsame Erwartung des Marktes, wie stark die Aktie bis zum Verfall schwanken wird, und das ist etwas anderes als die tatsächlich gemessene Schwankung der Vergangenheit. Wie sich diese Erwartung im Markt bemerkbar macht, sehen Sie am VDAX-NEW, den die Deutsche Börse aus den Preisen der DAX-Optionen ableitet: Er zieht an, wenn der Markt nervös wird, und gibt nach, wenn sich die Lage beruhigt. Steigt die erwartete Schwankung, werden Calls und Puts gleichzeitig teurer, weil ein breiterer Fächer möglicher Ergebnisse jeden Basispreis leichter erreichbar macht. Rund um angekündigte Termine kostet genau das viele Anleger Geld. Vor den Quartalszahlen preist der Markt die erwartete Bewegung in die Optionspreise ein, und sobald die Zahlen draußen sind, bricht die implizite Volatilität ein, ganz gleich, wohin die Aktie danach läuft. Sie können also richtig gelegen haben und trotzdem verlieren, weil Sie für eine Unsicherheit bezahlt haben, die es nicht mehr gibt. Wer nur auf den Aktienkurs schaut, versteht diesen Verlust nie. Er steckt im Vega.

Rho: warum es meistens ganz hinten steht

A black and white close-up of an hourglass, sand streaming through its narrow neck against a dark background.
Theta is the hourglass built into every option: the clock removes a little value each day, and faster as expiry nears.

Das Rho misst die Empfindlichkeit gegenüber dem Zinsniveau, genauer gegenüber dem risikofreien Zins, mit dem das Bewertungsmodell rechnet. Zinsen stecken aus einem schlichten Grund in der Formel: Wer einen Call kauft, schiebt die Bezahlung der Aktien auf, und Geld, das noch nicht ausgegeben ist, kann in der Zwischenzeit woanders Zinsen bringen. Dieser Aufschub hat einen Wert. Bei einer kurz laufenden Option auf eine gewöhnliche Aktie bleibt der Effekt winzig neben einem Tag Theta oder einem Punkt impliziter Volatilität. Wichtig wird das Rho bei langen Laufzeiten und in Phasen, in denen die Europäische Zentralbank die Leitzinsen in kurzen Abständen bewegt. Meistens ist es Hintergrundrauschen, und so dürfen Sie es auch behandeln, solange Sie wissen, warum.

Optionsscheine: dieselben Griechen, zwei zusätzliche Fallstricke

Viele Privatanleger in Deutschland begegnen den Griechen zuerst nicht an der Eurex, sondern bei Optionsscheinen. Herausgeber ist eine Bank, gehandelt werden sie im Segment EUWAX der Börse Stuttgart, über Frankfurt oder im Direkthandel mit dem Emittenten, und ihr Preis hängt an denselben Einflussfaktoren wie der einer börsengehandelten Option. Zwei Unterschiede sollten Sie kennen. Der erste ist das Bezugsverhältnis, oft 0,1 oder 0,01: Ein Schein bezieht sich dann nur auf einen Bruchteil einer Aktie, und was der Schein selbst bei einem Euro Kursbewegung tut, sehen Sie erst, wenn Sie das ausgewiesene Delta mit diesem Bezugsverhältnis multiplizieren. Der zweite ist das Emittentenrisiko. Ein Optionsschein ist rechtlich eine Inhaberschuldverschreibung und fällt nicht unter die Einlagensicherung; fällt die Bank aus, hilft Ihnen der schönste innere Wert nichts. In den Datenblättern stehen neben den Griechen fast immer der Hebel und das Omega. Der Hebel setzt nur den Kurs des Basiswerts ins Verhältnis zum Preis des Scheins, das Omega multipliziert diesen Hebel mit dem Delta, und deshalb ist das Omega die ehrlichere der beiden Zahlen. Vor dem Kauf bekommen Sie außerdem ein Basisinformationsblatt, das die europäische PRIIPs-Verordnung vorschreibt und das Laufzeit, Risikoindikator und Kosten auf wenigen Seiten zusammenfasst. Deutsche Emittenten stehen dabei unter der Aufsicht der BaFin, die auch die Wertpapierprospekte billigt.

Die Griechen werden gerechnet, nicht gemessen

Keine dieser Zahlen wird am Markt gemessen. Sie sind Ergebnisse eines Bewertungsmodells, nämlich die Änderungsraten des Modellpreises bezogen auf jeden einzelnen Einflussfaktor, und die übliche Quelle ist das Black-Scholes-Modell oder eine seiner Weiterentwicklungen. Jeder Grieche auf dem Bildschirm Ihres Brokers erbt damit die Annahmen dieses Modells: Kurse, die sich glatt bewegen und nicht springen, und eine Volatilität, die von irgendwoher eingespeist werden muss. Deshalb zeigen zwei Plattformen am selben Nachmittag leicht verschiedene Werte für denselben Kontrakt. Sie rechnen mit unterschiedlichen Volatilitäten oder behandeln eine anstehende Dividende anders. In Deutschland wiegt gerade der Dividendenpunkt schwerer als in den USA, weil deutsche Aktiengesellschaften meist einmal im Jahr ausschütten und der Kurs am ersten Handelstag nach der Hauptversammlung auf einen Schlag ex Dividende notiert. Nehmen Sie einen Griechen deshalb als gut gebaute Schätzung einer Empfindlichkeit und nicht als abgelesenen Messwert.

Ein Handelstag in runden Beispielzahlen

Angenommen, ein Call weist ein Delta von 0,50 aus, ein Gamma von 0,05, ein Theta von 0,04 und ein Vega von 0,10. Jede dieser Zahlen ist für das Beispiel erfunden. Die Aktie steigt um 1 €, das Delta bringt Ihnen also rund 0,50 €, während das Gamma Ihr Delta still auf etwa 0,55 anhebt, was erst für die nächste Bewegung zählt. Ein Tag vergeht, das Theta nimmt Ihnen rund 0,04 € ab. Die implizite Volatilität gibt einen Punkt nach, das Vega kostet Sie weitere 0,10 €. Unterm Strich stehen Sie an einem Tag, an dem die Aktie in Ihre Richtung lief, etwa 0,36 € im Plus. Und nun derselbe Tag mit unverändertem Kurs: Sie liegen rund 0,14 € hinten, ohne irgendetwas falsch gemacht zu haben. Diese zweite Variante sollten Sie sich merken.

Jede Kennzahl ist eine Momentaufnahme, und der Markt hält nicht still

Jeder dieser Werte wird in einem einzigen Augenblick berechnet, wobei alles andere eingefroren wird, und auf diese Bedingung lässt sich der Markt nie ein. Eine echte Handelssitzung bewegt Kurs, Erwartung und Kalender gleichzeitig, und über eine große Bewegung hinweg addieren sich die Griechen nicht sauber auf. Eine Position, die bei Eröffnung deltaneutral war, ist es nach einer Kurslücke nicht mehr, weil das Gamma das Delta neu geschrieben hat, bevor jemand darauf reagieren konnte. Am verlässlichsten sind diese Zahlen bei kleinen Änderungen und am unverlässlichsten genau dann, wenn Sie eine Zahl am dringendsten bräuchten, nämlich mitten in einer heftigen Bewegung.

Was ein normaler Anleger davon wirklich braucht

Wenn Sie nur Aktien und ETFs halten, ändert nichts davon Ihre Woche, mit einer Ausnahme: Wer einen Covered Call auf eigene Aktien verkauft, also einen gedeckten Call, begrenzt damit den Gewinn nach oben und hat eine Position umgebaut, die er längst besaß. Kaufen Sie hin und wieder eine Option, entscheiden das Theta und das Vega die meisten Ergebnisse, und beides sind Fragen des Zeitpunkts, nicht der Richtung. Das Gamma wird in dem Augenblick Ihr Problem, in dem Sie anfangen, Optionen zu verkaufen, denn es beschreibt, wie schnell aus einem tragbaren Verlust ein untragbarer wird. Das Rho können Sie liegen lassen, bis Sie mit langen Laufzeiten zu tun haben. An Termingeschäfte lässt Sie ein deutscher Broker ohnehin nicht ohne Weiteres heran. Er fragt vorher nach Kenntnissen und Erfahrung, weil das Wertpapierhandelsgesetz diese Angemessenheitsprüfung vorschreibt. Behandeln Sie sie nicht als Formular zum Wegklicken, sondern als den Punkt, an dem Sie sich selbst gegenüber ehrlich sein sollten.

Öffnen Sie eine echte Optionskette, suchen Sie einen Kontrakt heraus und sagen Sie seine Zahlen in vier Sätzen laut auf: Das verdiene ich, wenn die Aktie um einen Euro steigt. Das kostet mich der morgige Tag, wenn nichts passiert. Das verliere ich, wenn die Erwartung künftiger Schwankungen abkühlt. Und so schnell verändert sich die erste Zahl, sobald sich der Kurs bewegt. Wenn Sie nicht alle vier zu Ende bringen, wissen Sie noch nicht, was Sie da halten. Wenn Sie es können, lautet die nächste Frage nicht, welchen Griechen Sie beobachten sollten, sondern wie viel Geld hinter einem einzigen Verfallstermin stehen darf. Genau das arbeitet unser Leitfaden zur Positionsgröße durch.

Optionspreisrechner öffnen und die Griechen live beobachten

Zusammenfassung

Optionsgriechen in einfachen Worten: was Delta, Gamma, Theta, Vega und Rho messen, welche davon Sie wirklich brauchen und warum das Theta Käufer überrascht.


Federico Romaldi

Verfasst von

Federico Romaldi

Mitgründer, Worthmap

Veröffentlicht: 14. August 2026

Federico ist Mitgründer von Worthmap, einer Vermögensplattform für Anleger, die es ernst meinen. Er kommt aus der Softwareentwicklung und ist seit Langem vom Value Investing überzeugt. Worthmap hat er gebaut, um die Lücke zwischen Vermögensübersicht und Anlageanalyse zu schließen.

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