31. Oktober 2026
9 Min. Lesezeit

Current Ratio erklärt: Kann das Unternehmen zahlen?

Kurzfassung

Die Current Ratio, auf Deutsch Liquidität 3. Grades, teilt das Umlaufvermögen eines Unternehmens (Bargeld, offene Kundenforderungen, Vorräte) durch seine kurzfristigen Verbindlichkeiten (Rechnungen und Schulden, die innerhalb von etwa einem Jahr fällig werden). Bei einer Current Ratio von 1,5 stehen 1,50 Euro kurzfristiges Vermögen jedem Euro kurzfristiger Verpflichtungen gegenüber. Die Kennzahl beantwortet nur eine enge Frage: Reicht das, was das Unternehmen hat oder bald einnimmt, um zu bezahlen, was bald fällig wird? Die Quick Ratio klammert die Vorräte aus, die Barliquidität zählt nur das Bargeld, jede Stufe ist also strenger als die vorige. Ein niedriger Wert ist nicht automatisch ein Alarmzeichen: Supermärkte können mit Absicht unter 1 liegen, weil Kunden an der Kasse zahlen, Lieferanten ihr Geld aber erst Wochen später bekommen. Lesen Sie die Kennzahl nie allein, sondern im Vergleich mit der eigenen Historie, der Saison und der Branche.

Zwei Personen gehen durch einen Gang eines Lagers, zwischen hohen Regalen mit gestapelten Kartons.
Vorräte zählen zum Umlaufvermögen, aber sie bezahlen die Rechnungen erst, nachdem sie verkauft wurden.

Ein Unternehmen kann auf dem Papier Gewinn machen und trotzdem im nächsten Monat seine Rechnungen nicht bezahlen können. Das passiert, wenn das Geld langsamer oder in geringerer Höhe hereinkommt, als es hinausgeht. Die Current Ratio, im Deutschen meist Liquidität 3. Grades genannt, ist der einfachste Blick auf genau diesen Teil der Bilanz.

Was die Current Ratio misst

Die Kennzahl vergleicht zwei Gruppen von Posten aus der Bilanz. Auf der einen Seite steht das Umlaufvermögen: alles, was das Unternehmen voraussichtlich innerhalb von etwa einem Jahr in Geld verwandelt. Dazu zählen Bargeld und Bankguthaben, kurzfristige Geldanlagen, Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (Geld, das Kunden für bereits gelieferte Ware noch schulden) und die Vorräte, also die Ware in Lagern und Regalen. Auf der anderen Seite stehen die kurzfristigen Verbindlichkeiten: alles, was das Unternehmen im selben Zeitraum bezahlen muss. Rechnungen von Lieferanten (Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen), geschuldete Löhne und Steuern sowie der Teil eines Bankkredits, der in den nächsten zwölf Monaten fällig wird, gehören hierher. Die Frage dahinter ist ganz alltäglich: Wenn nichts Neues hereinkäme, würde das, was das Unternehmen hat oder bald einsammelt, für das reichen, was bald zu zahlen ist? Es ist die Firmenversion der Frage, ob Ihr Guthaben auf dem Girokonto plus das Geld, das Freunde Ihnen noch schulden, die Miete und die Kreditkartenabrechnung dieses Monats deckt.

Die Current-Ratio-Formel mit Rechenbeispiel

In Worten: Umlaufvermögen geteilt durch kurzfristige Verbindlichkeiten. Mehr ist die Formel nicht. Nehmen wir an, Unternehmen A hat 20 Millionen Euro Bargeld, 30 Millionen Euro offene Kundenforderungen und 50 Millionen Euro Vorräte. Sein Umlaufvermögen beträgt damit 100 Millionen Euro. Im kommenden Jahr muss es 40 Millionen an Lieferanten zahlen, 10 Millionen für Löhne und Steuern und 10 Millionen für einen fälligen Bankkredit. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten summieren sich auf 60 Millionen. Hundert geteilt durch sechzig ergibt eine Current Ratio von rund 1,67.

Lesen Sie das so: 1,67 Euro kurzfristiges Vermögen auf jeden Euro kurzfristiger Verpflichtungen. Ein Wert von genau 1 bedeutet, dass beide Seiten gleich hoch sind und nichts übrig bleibt. Unter 1 heißt, dass das Unternehmen im kommenden Jahr mehr zahlen muss, als es an kurzfristigem Vermögen hält. Es verlässt sich dann auf Geld, das es noch nicht verdient hat, auf neue Kredite oder auf Lieferanten, die warten. Über 1 gibt es einen Puffer. Keiner dieser Werte ist für sich gut oder schlecht: Was normal ist, hängt vom Geschäftsmodell und von der Branche ab. Manchmal sehen Sie dieselben zwei Zahlen auch subtrahiert statt dividiert. Umlaufvermögen minus kurzfristige Verbindlichkeiten heißt Nettoumlaufvermögen (im Englischen Working Capital), bei Unternehmen A sind das 40 Millionen. Verhältnis und Differenz erzählen dieselbe Geschichte in zwei Formen: Das Verhältnis lässt sich leichter zwischen unterschiedlich großen Firmen vergleichen, die Differenz zeigt, wie groß der Puffer in Euro ist.

Die Quick Ratio: ohne die Vorräte gerechnet

Vorräte sind der unsicherste Posten im Umlaufvermögen. Ein Schuhgeschäft darf seine unverkauften Schuhe zu Anschaffungskosten ansetzen, doch wenn es schnell Geld braucht, verkauft es sie mit Rabatt, oder gar nicht, wenn es die Farben der letzten Saison sind. Die Quick Ratio, auf Deutsch Liquidität 2. Grades oder Einzugsliquidität, nimmt die Vorräte aus dem Zähler: Umlaufvermögen minus Vorräte, geteilt durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten. Bei Unternehmen A sind das 100 Millionen minus 50 Millionen, also 50 Millionen, geteilt durch 60 Millionen, und das ergibt etwa 0,83. Manche Varianten ziehen zusätzlich Vorauszahlungen ab, etwa die im Voraus bezahlte Miete, weil sich auch die nicht mehr in Bargeld zurückverwandeln lassen. Interessant ist der Abstand zwischen beiden Werten. Unternehmen A zeigt 1,67 bei der ersten Kennzahl und 0,83 bei der zweiten. Das verrät, dass die Hälfte seines Umlaufvermögens (50 von 100 Millionen) Ware im Lager ist. Ohne diese Ware bleibt weniger übrig als die 60 Millionen, die es schuldet. Das ist eine Frage, der man nachgehen sollte: Um welche Ware handelt es sich, und wie schnell verkauft sie sich?

Die Barliquidität: nur das, was schon auf dem Konto liegt

Die strengste Variante, die Barliquidität oder Liquidität 1. Grades, zählt nur Bargeld und kurzfristige Anlagen, die sich fast sofort verkaufen lassen, und teilt sie durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten. Unternehmen A hat 20 Millionen Bargeld bei 60 Millionen Verbindlichkeiten, seine Barliquidität liegt also bei rund 0,33. Die meisten Unternehmen halten nicht genug Bargeld, um alle kurzfristigen Rechnungen eines Jahres zu decken, denn ungenutztes Geld auf dem Konto bringt in der Regel weniger ein als Geld, das im Geschäft arbeitet. Ein niedriger Wert ist deshalb normal. Wichtig wird die Barliquidität vor allem dann, wenn ein Unternehmen den Zugang zu Krediten verlieren könnte, etwa in einer Krise, oder wenn Kunden plötzlich spät zahlen. Sie beantwortet die Frage für den schlimmsten Fall, nicht für den Alltag.

Warum Supermärkte absichtlich unter 1 liegen können

Ein großer Lebensmittelhändler ist der Klassiker für eine niedrige Current Ratio, die kein Warnsignal ist. Kunden zahlen an der Kasse in dem Moment, in dem sie die Ware mitnehmen. Lieferanten dagegen werden oft erst Wochen später bezahlt, so wie es der Händler mit ihnen vereinbart hat. Gleichzeitig dreht sich das Lager schnell: Milch und Brot sind in wenigen Tagen verkauft. Der Händler hält also ständig Geld, das streng genommen noch seinen Lieferanten gehört, und seine Verbindlichkeiten können fast so hoch oder sogar höher sein als Bargeld, Forderungen und Vorräte zusammen. Die Current Ratio liegt dann unter 1, und das ist Ausdruck des Geschäftsmodells, kein Zeichen von Schwäche. Restaurants, Fast-Food-Ketten und manche Abo-Anbieter, die im Voraus kassieren, zeigen dasselbe Muster. Geld, das Kunden für eine noch nicht erbrachte Leistung gezahlt haben, steht als kurzfristige Verbindlichkeit in der Bilanz (etwa als erhaltene Anzahlungen oder Vertragsverbindlichkeiten) und drückt die Kennzahl, obwohl das Geld längst da ist. Die Lehre: Die Kennzahl sagt erst dann etwas aus, wenn Sie wissen, wie das Geld durch genau dieses Geschäft fließt.

Wann ein hoher Wert Fragen aufwirft

Ein hoher Wert klingt sicher, und oft ist er es auch. Er kann aber ebenso heißen, dass sich Ware im Lager stapelt, weil sie nicht verkauft wird, oder dass Kunden immer später zahlen. Nehmen wir Unternehmen B, dessen kurzfristige Verbindlichkeiten bei 60 Millionen Euro gleich bleiben. Sein Umlaufvermögen steigt binnen zwei Jahren von 90 Millionen (Current Ratio 1,5) auf 150 Millionen (Current Ratio 2,5), während der Umsatz stagniert. Besteht der Zuwachs von 60 Millionen vor allem aus unverkaufter Ware und unbezahlten Rechnungen statt aus Bargeld, hat sich die Kennzahl verbessert, ohne dass das Unternehmen stärker geworden wäre. Der einfache Test: Wachsen Vorräte und Forderungen schneller als der Umsatz? Ein hoher Wert kann auch bedeuten, dass ein Unternehmen weit mehr Bargeld hält, als es braucht. Gefährlich ist das nicht, es wirft aber die Frage auf, wie die Unternehmensführung mit dem Geld umgeht. Wie Schulden und Bargeld den Wert eines ganzen Unternehmens verschieben, erklärt der Ratgeber zu Unternehmenswert und Verschuldung.

Eine Person gibt einer anderen über einen Tisch hinweg Geldscheine, daneben liegen ein Beleg und eine Kaffeetasse.
Die Current Ratio fragt, ob das, was im nächsten Jahr hereinkommt, für das reicht, was hinausgehen muss.

Qualität der Vorräte und saisonale Schwankungen

Nicht jeder Lagerbestand ist gleich viel wert. Rohstoffe wie Kupfer oder Weizen lassen sich meist nahe am Marktpreis verkaufen. Fertige Modeartikel, Unterhaltungselektronik oder alles mit kurzer Haltbarkeit verlieren schnell an Wert. Schauen Sie deshalb in den Anhang zum Jahresabschluss: Dort werden die Vorräte meist in Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, unfertige und fertige Erzeugnisse aufgeteilt, und auch Abschreibungen auf Vorräte werden genannt. Eine Abschreibung ist das Eingeständnis, dass ein Teil der Ware weniger wert ist, als das Unternehmen dafür bezahlt hat. Auch der Zeitpunkt zählt. Die Bilanz ist eine Momentaufnahme, meist vom letzten Tag des Geschäftsjahres. Ein Spielwarenhersteller, dessen Jahr kurz vor dem Weihnachtsgeschäft endet, zeigt volle Lager, einer, dessen Jahr kurz nach Weihnachten endet, mehr Bargeld und weniger Ware. Zwei Unternehmen derselben Branche können allein wegen des Stichtags sehr unterschiedlich aussehen. Fair vergleichen Sie dasselbe Unternehmen zum gleichen Stichtag jedes Jahres oder legen Halbjahresberichte nebeneinander.

Wie sich die Kennzahl je nach Branche unterscheidet

Hersteller, die Rohstoffe und fertige Produkte monatelang lagern, haben tendenziell höhere Werte, weil viel Geld im Lager gebunden ist. Händler mit schnellem Warenumschlag und langen Zahlungszielen bei Lieferanten liegen eher niedriger. Software- und Dienstleistungsfirmen haben kaum Vorräte, deshalb liegen ihre Current Ratio und Quick Ratio oft nah beieinander, und im Voraus gezahlte Entgelte können beide drücken. Banken und Versicherer sind ein Sonderfall: Ihre Bilanzen werden meist gar nicht in kurz- und langfristig geteilt, deshalb passt die Kennzahl auf sie nicht. Benjamin Graham, Lehrmeister des Value-Investing, schaute auch genau auf die Solidität der Bilanz. Eine feste Schwelle für diese Kennzahl ist eine Faustregel, die besser zu produzierenden Unternehmen passt als zu Supermärkten oder Softwarefirmen, bei denen das Geschäft anders funktioniert.

Was die Kennzahl nicht verrät

Die Current Ratio blickt auf die nächsten zwölf Monate. Sie verrät nichts über einen großen Kredit, der in drei Jahren fällig wird, und nichts darüber, ob die Gewinne reichen, um die Zinsen zu zahlen. Ebenso wenig zeigt sie, ob das Unternehmen überhaupt Geld erwirtschaftet. Ein Unternehmen kann eine solide Kennzahl haben und trotzdem jedes Quartal Geld verbrennen. Dafür schauen Sie in der Kapitalflussrechnung auf den operativen Cashflow und den freien Cashflow: Ein Unternehmen, das seine Gewinne Jahr für Jahr in Bargeld verwandelt, kommt selten in Zahlungsnot, egal was die Kennzahl an einem einzelnen Stichtag zeigt.

Der Gedanke ist derselbe wie beim privaten Notgroschen: Es kommt nicht nur darauf an, wie viel Sie besitzen, sondern wie viel Sie schnell erreichen könnten, wenn das Einkommen ausfällt. Wie sich das, was Sie besitzen, von dem unterscheidet, was Sie bald ausgeben können, zeigt für Haushalte der Beitrag zu liquidem und gesamtem Vermögen, und die Logik lässt sich fast wörtlich auf Unternehmen übertragen.

Wo Sie die Zahlen im Geschäftsbericht finden

Alles, was Sie brauchen, steht in der Bilanz. Bei Abschlüssen nach HGB gliedert sich die Aktivseite in Anlagevermögen und Umlaufvermögen, bei den Verbindlichkeiten wird der Betrag mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr vermerkt. Nach IFRS heißt die Bilanz im Englischen statement of financial position, und die Posten sind in kurzfristig und langfristig geteilt. Viele Unternehmen weisen Zwischensummen für die kurzfristigen Vermögenswerte und Schulden aus, dann müssen Sie nur noch dividieren. Vorräte und Bargeld stehen meist in eigenen Zeilen, so erhalten Sie auch Quick Ratio und Barliquidität. Börsennotierte Unternehmen veröffentlichen den Abschluss im Geschäftsbericht auf ihrer Investor-Relations-Seite, deutsche Kapitalgesellschaften übermitteln ihn außerdem an das Unternehmensregister. Nutzen Sie für beide Zahlen denselben Stichtag, und rechnen Sie die Werte um, falls das Unternehmen sein Geschäftsjahr umgestellt hat.

Berechnen Sie Current Ratio, Quick Ratio und Barliquidität mit dem kostenlosen Current-Ratio-Rechner

So wenden Sie die Kennzahl in fünf Minuten an

Nehmen Sie die Bilanzen der letzten drei oder vier Jahre. Berechnen Sie für jedes Jahr Current Ratio und Quick Ratio, und notieren Sie die Entwicklung neben dem Umsatz im gleichen Zeitraum. Vergleichen Sie danach mit zwei oder drei Unternehmen, die wirklich dasselbe tun. Ein sinkender Wert bei fallendem Umsatz und steigenden Schulden verdient einen genaueren Blick. Ein niedriger, aber stabiler Wert bei einem Supermarkt ist wahrscheinlich einfach die Eigenart der Branche. Wie sich die Kennzahl neben die Bewertungskennzahlen einordnet, lesen Sie in den Bewertungskennzahlen im Überblick.

Auf der Worthmap-Seite zur Aktienanalyse können Sie die Zahlen echter Unternehmen nachschlagen und sehen eine Punktzahl von bis zu 36, die nach festen Regeln in sechs Bereichen entsteht, einer davon ist die finanzielle Stärke. Die Punktzahl ist das Ergebnis einer Checkliste, kein Tipp zum Kaufen oder Verkaufen.

Nur zur Information und Weiterbildung, keine Empfehlung, ein Wertpapier zu kaufen oder zu verkaufen.

Zusammenfassung

Current Ratio einfach erklärt: die Formel in Worten, ein Rechenbeispiel, Quick Ratio und Barliquidität und warum ein niedriger Wert bei Supermärkten normal ist.


Federico Romaldi

Verfasst von

Federico Romaldi

Mitgründer, Worthmap

Veröffentlicht: 31. Oktober 2026

Federico ist Mitgründer von Worthmap, einem Nettovermögens-Tracker für mehrere Währungen mit kostenlosen Rechnern für Anleger. Er schreibt die Artikel der Website über Value Investing, Fundamentalanalyse und Vermögen, das sich auf mehrere Währungen verteilt. Er ist kein zugelassener Finanzberater.

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