Kurzfassung
Die Rentenlücke ist eine Subtraktion: das Monatseinkommen, das Sie im Ruhestand wirklich brauchen, minus das Einkommen, das auch dann fließt, wenn Sie nichts weiter unternehmen. Die erste Zahl holen Sie aus Ihren tatsächlichen Ausgaben, nicht aus einem Prozentsatz Ihres Gehalts. Die zweite steht in der Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung, in der Standmitteilung zur Betriebsrente und in Ihren privaten Verträgen, zusammengeführt in der Digitalen Rentenübersicht. Rechnen Sie beide Zahlen auf heutiges Geld um, denn ein Betrag, der für einen Zeitpunkt in Jahrzehnten genannt wird, ist in Geld von morgen gerechnet und kauft weniger, als er verspricht. Die verbleibende Monatslücke mal zwölf, geteilt durch die geplante Entnahmerate, ergibt Ihr Kapitalziel. Erst die Lücke messen, danach Produkte auswählen.

Die Rentenlücke ist eine Subtraktion, kein Rätsel. Nehmen Sie das Geld, das Sie im Ruhestand jeden Monat brauchen werden, ziehen Sie davon ab, was ohnehin auf Ihrem Konto landet, und der Rest ist der Teil, den Sie selbst finanzieren müssen. Die meisten Menschen rechnen das nie aus. Deshalb fühlt sich Altersvorsorge wie ein diffuses schlechtes Gewissen an statt wie eine Rechenaufgabe, und deshalb bekommt die Frage „Spare ich genug?“ nie eine Antwort.
Die Lücke liegt zwischen zwei ehrlichen Zahlen
Die erste Zahl ist, was Sie ausgeben werden, nicht was Sie heute verdienen. Die zweite ist das Einkommen, auf das Sie sich wirklich verlassen können: die gesetzliche Rente, eine bereits zugesagte Betriebsrente, eine private Rentenversicherung, die Ihnen eine lebenslange Rente zusagt, Mieteinnahmen aus einer abbezahlten Wohnung. Erste Zahl minus zweite Zahl ergibt die monatliche Lücke, und nur für diese Lücke sparen Sie überhaupt. Beide Zahlen sind Schätzungen, beide werden ein Stück weit falsch sein, und das ist in Ordnung. Eine schlecht geschätzte Lücke ist immer noch weit nützlicher als eine Lücke, die Sie nie geschätzt haben, denn eine Schätzung können Sie jedes Jahr nachjustieren.
Rechnen Sie mit Ihren Ausgaben, nicht mit einem Prozentsatz vom Gehalt
Es kursiert eine Faustregel, nach der Sie im Alter einen festen Prozentsatz Ihres letzten Gehalts brauchen. Als erster Anhaltspunkt schadet sie nicht. Als Endergebnis taugt sie wenig, weil sie sich an der Gehaltsabrechnung Ihres Arbeitgebers orientiert und nicht an Ihrem Leben.
Ein Teil Ihrer Ausgaben endet mit dem Arbeitsleben. Das Pendeln fällt weg, die Beiträge zur Rentenversicherung fallen weg, oft sind auch die Kinder aus dem Haus. Andere Kosten bleiben genau dort, wo sie sind: Miete oder Kreditrate, Versicherungen, der Wocheneinkauf. Und ein paar Posten wachsen später leise an, vor allem Gesundheitsausgaben und alles, wofür Sie mit den Jahren jemanden bezahlen, statt es selbst zu erledigen. Nehmen Sie deshalb Ihre tatsächlichen Ausgaben des letzten Jahres, streichen Sie, was wirklich verschwindet, lassen Sie den Rest stehen und addieren Sie das, wofür Sie mit mehr freier Zeit mehr ausgeben werden. Diese Zahl kommt der Wahrheit näher als jeder Prozentsatz eines Gehalts, das Sie dann nicht mehr beziehen.
Die drei Säulen, und welche davon wirklich sicher ist
Die Altersvorsorge in Deutschland ruht auf drei Säulen: der gesetzlichen Rente, der betrieblichen Altersvorsorge über den Arbeitgeber und der privaten Vorsorge, also Riester-Vertrag, Basisrente oder schlicht dem eigenen Depot. Im Steuerrecht werden dieselben Produkte noch einmal anders einsortiert, dort heißen die Gruppen Schichten, Sie werden also beiden Begriffen begegnen. Für die Rechnung zählt aber keine dieser Einteilungen, sondern eine einfachere Frage: Auf die sichere Seite gehören nur die Ansprüche, die auch dann fließen, wenn Sie ab morgen nichts weiter unternehmen. Alles, was noch von künftigen Einzahlungen abhängt, gehört auf die Seite der Lücke.
Suchen Sie die Unterlagen heraus. Die Deutsche Rentenversicherung verschickt die Renteninformation jedes Jahr an alle ab 27, die die allgemeine Wartezeit erfüllt haben, in der Regel also mindestens fünf Jahre lang Beiträge gezahlt haben. Ab 55 kommt alle drei Jahre die deutlich ausführlichere Rentenauskunft dazu, die Sie bei Bedarf auch früher anfordern können. Zusagen aus dem Betrieb stehen in der Standmitteilung Ihres Versorgungsträgers, also der Versicherung oder Pensionskasse, über die Ihr Arbeitgeber die Zusage abwickelt; viele verschicken sie von selbst, sonst fordern Sie sie einmal im Jahr an. Private Verträge stehen in der Mitteilung Ihres Versicherers. Wer alles an einer Stelle sehen möchte, kann die Digitale Rentenübersicht nutzen, das offizielle Portal, das gesetzliche, betriebliche und private Ansprüche zusammenführt.
Besonders lohnt ein Blick in den Versicherungsverlauf, den Sie bei der Deutschen Rentenversicherung online einsehen oder anfordern können. Dort stehen Ausbildungszeiten, Kindererziehungszeiten und Zeiten ohne Beschäftigung, und dort fehlen sie eben auch, wenn sie nie gemeldet wurden. Mit einer Kontenklärung lassen sich solche Lücken nachträglich belegen, was die spätere Rente erhöhen kann, ohne dass Sie einen Euro mehr sparen. Wer in mehreren Ländern gearbeitet hat, bekommt zwangsläufig ein geteiltes Bild. Innerhalb der EU werden Versicherungszeiten aus verschiedenen Mitgliedstaaten zusammengerechnet, wenn ein Land prüft, ob überhaupt ein Anspruch besteht, gezahlt wird aber weiterhin von jedem Land nur der eigene Anteil. Außerhalb der EU hängt alles daran, ob zwischen den beiden Staaten ein Sozialversicherungsabkommen besteht.
Was die Renteninformation sagt, und was das Rentenniveau nicht sagt
Eine Hochrechnung ist keine Zusage, sondern eine Rechnung unter Annahmen. Sie unterstellt, dass Sie ungefähr so weiter einzahlen wie in den vergangenen Jahren, dass die Regeln bleiben, wie sie sind, und dass künftige Anpassungen in einer bestimmten Größenordnung ausfallen. Ändert sich eine dieser Bedingungen, ändert sich die Zahl. Die Renteninformation geht damit erfreulich offen um: Die Annahmen stehen direkt neben dem Betrag, samt dem ausdrücklichen Hinweis, dass steigende Preise die Kaufkraft dieses Betrags mindern. Lesen Sie diese Seite, statt nur auf die fettgedruckte Summe zu schauen. Und wenn Ihr Erwerbsleben nicht dem Durchschnitt entspricht, weil Teilzeitjahre, Pflegezeiten, Selbstständigkeit oder Jahre im Ausland darin vorkommen, behandeln Sie das Schreiben als Nachweis dessen, was Sie bereits erarbeitet haben, und nicht als Prognose.
Verwechseln Sie Ihre Rente außerdem nicht mit dem Rentenniveau, das in den Nachrichten ständig auftaucht. Diese Kennzahl vergleicht eine Standardrente mit dem Durchschnittsverdienst, also einen Modellfall: den sogenannten Eckrentner, der ein langes, lückenloses Erwerbsleben zum Durchschnittsverdienst hinter sich hat. Über Ihren persönlichen Anspruch sagt sie nichts. Ihre eigene Rente entsteht aus Ihren Entgeltpunkten mal dem aktuellen Rentenwert. Ein Jahr, in dem Sie genau den Durchschnitt aller Versicherten verdient haben, bringt Ihnen einen Entgeltpunkt, ein Jahr mit dem halben Durchschnitt einen halben, und der aktuelle Rentenwert ist der Euro-Betrag, den ein solcher Punkt an monatlicher Rente wert ist. Und der Betrag auf der Renteninformation ist eine Bruttorente: Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner gehen davon ab, und ein Teil der Rente ist steuerpflichtig. Wie groß dieser Teil ausfällt, hängt vom Jahr des Rentenbeginns ab und wird gesetzlich immer wieder angepasst, weshalb Sie den aktuellen Stand bei der Deutschen Rentenversicherung, beim Bundesfinanzministerium oder bei Ihrem Finanzamt nachsehen sollten, bevor Sie damit planen.

Inflation macht aus einer nominalen Zahl eine Illusion
Ein Monatsbetrag für einen Zeitpunkt in Jahrzehnten ist in Geld von morgen gerechnet, und Geld von morgen kauft weniger. Nehmen Sie rein illustrativ an, die Preise verdoppeln sich bis zu Ihrem Rentenbeginn. Dann kaufen Ihnen 1.000 € Rente im Monat genau so viel wie heute 500 €. Niemand hat sich verrechnet und niemand hat Sie belogen. Die Zahl hat nur nie das bedeutet, was sie zu bedeuten schien.
Die gesetzliche Rente wird zwar regelmäßig angepasst, üblicherweise zum 1. Juli, doch diese Anpassung folgt einer gesetzlichen Formel, die sich an der Lohnentwicklung orientiert und nicht am Inhalt Ihres Einkaufswagens. Der saubere Ausweg ist, die ganze Rechnung in heutigen Preisen zu führen. Schätzen Sie Ihre Ausgaben in heutigem Geld, rechnen Sie die prognostizierte Rente auf heutiges Geld zurück, und vergleichen Sie erst dann. Diese eine Korrektur verändert das Ergebnis bei den meisten Menschen stärker als jede Entscheidung darüber, welchen Fonds sie am Ende kaufen.
Aus der Monatslücke wird ein Kapitalziel
Aus einer monatlichen Lücke wird in zwei Schritten ein Sparziel. Multiplizieren Sie sie mit zwölf, das ergibt die Jahreslücke, und teilen Sie diese durch den Anteil, den Sie Ihrem Vermögen später jedes Jahr entnehmen wollen. Diesen Anteil nennt man die sichere Entnahmerate, deren bekannteste Variante die 4-Prozent-Regel ist.
Ein Rechenbeispiel mit runden Zahlen: Eine Lücke von 1.000 € im Monat macht 12.000 € im Jahr. Geteilt durch 4 Prozent ergibt das ein Kapitalziel von 300.000 €. Geteilt durch 3 Prozent sind es 400.000 €. Die Zahlen sollen nur die Mechanik zeigen, eine Empfehlung ist keine davon. Der Abstand zwischen ihnen ist die eigentliche Lektion: Eine kleine Änderung der angenommenen Entnahmerate verschiebt das Ziel um ein Drittel. Wer Ihnen eine einzige exakte Zahl nennt, hat eine Annahme vor Ihnen versteckt.
Und daraus wird ein Sparbetrag pro Monat
Steht das Ziel und wissen Sie, wie viele Jahre Ihnen bleiben, wird daraus die Frage, wie viel pro Monat dorthin führt. Die meiste Arbeit erledigt die Zeit, weil der Zinseszins auch die bereits erzielten Erträge weiter verzinst. Wer dreißig Jahre lang 200 € im Monat zurücklegt, zahlt aus eigener Tasche 72.000 € ein, und was die Anlage darüber hinaus erwirtschaftet, kommt obendrauf. Wer denselben Plan zehn Jahre später beginnt, zahlt 48.000 € ein und hat ein Jahrzehnt weniger, in dem überhaupt etwas wachsen kann. Das fehlende Jahrzehnt kostet also deutlich mehr als die fehlenden 24.000 € an Beiträgen. Ein gängiger Weg dafür ist der ETF-Sparplan mit fester monatlicher Ausführung: Er kauft automatisch weiter, sodass die Einzahlung nicht jeden Monat neu von Ihrer Laune abhängt.
Womit Sie die Rentenlücke am wirksamsten schließen
Der stärkste Hebel ist das Datum, an dem Sie aufhören. Wenn Sie es nach hinten schieben, arbeiten Sie an beiden Seiten der Subtraktion gleichzeitig: mehr Beitragsjahre hinein, weniger Entnahmejahre heraus. In der gesetzlichen Rente kommt hinzu, dass ein vorgezogener Rentenbeginn die Rente in aller Regel für jeden vorgezogenen Monat dauerhaft um einen Abschlag kürzt, während ein späterer Beginn dauerhaft einen Zuschlag bringt. Wer sehr viele Versicherungsjahre zusammenbekommt, kann über die Altersrente für besonders langjährig Versicherte allerdings früher und trotzdem ohne Abschlag in Rente gehen. Die Regelaltersgrenze selbst wird seit Jahren schrittweise angehoben, prüfen Sie also, welches Datum für Ihren Jahrgang gilt. Ein Plan, der für ein bestimmtes Rentendatum unmöglich aussieht, kann zwei Jahre später ziemlich unspektakulär wirken.
Die zweite Stellschraube sind Ihre Ausgaben, und dieser Hebel ist stärker, als er aussieht: 100 € im Monat, die Sie nicht brauchen, müssen Sie weder finanzieren noch jemals als Kapital aufbauen. Die Rendite Ihrer Anlagen zählt selbstverständlich auch, nur haben Sie darauf am wenigsten Einfluss, also bauen Sie den Plan auf den beiden Größen auf, die Sie tatsächlich steuern. Wer FIRE anstrebt, rechnet genau dieselbe Aufgabe, nur früher und konsequenter.
Rechnen Sie einmal im Jahr nach
Eine Lücke ist eine Messung, kein Urteil. Jedes Jahr kommt eine neue Renteninformation, Gehälter ändern sich, Pläne ändern sich, Preise steigen. Wiederholen Sie die Subtraktion, wenn das neue Schreiben im Briefkasten liegt, wieder in heutigem Geld, und achten Sie auf die Richtung statt auf die Nachkommastellen. Schließt sich die Lücke, funktioniert der Plan. Wird sie größer, muss sich etwas ändern, und davon sollten Sie mit Jahren Vorlauf erfahren, nicht mit Monaten. Schreiben Sie deshalb noch diese Woche zwei Zahlen auf ein Blatt: Ihre erwarteten Monatsausgaben in heutigen Preisen und den Betrag, den Ihre Renteninformation hochrechnet, ebenfalls auf heutige Preise umgerechnet. Die Differenz ist Ihre Rentenlücke, und sobald sie eine Zahl hat, können Sie handeln, statt sich zu sorgen. Die Anschlussfrage, wie lange ein Vermögen tatsächlich reicht, lässt sich erst beantworten, wenn das Vermögen eine Größe hat.
Rechnen Sie mit dem Zinseszinsrechner aus, was ein monatlicher Sparbetrag ergibt
Zusammenfassung
Die Rentenlücke ist Ihr Bedarf im Alter minus die Rente, die ohnehin kommt. So berechnen Sie sie, rechnen die Inflation heraus und machen daraus ein Sparziel.
Verfasst von
Federico RomaldiMitgründer, Worthmap
Veröffentlicht: 14. August 2026
Federico ist Mitgründer von Worthmap, einer Vermögensplattform für Anleger, die es ernst meinen. Er kommt aus der Softwareentwicklung und ist seit Langem vom Value Investing überzeugt. Worthmap hat er gebaut, um die Lücke zwischen Vermögensübersicht und Anlageanalyse zu schließen.
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