Kurzfassung
Perzentiltabellen wandern ohne Quelle, ohne Jahr, ohne Land und ohne Definition durch das Netz, und alle vier verändern das Ergebnis. Die belastbaren Zahlen stehen in großen Haushaltsbefragungen: in der Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ der Deutschen Bundesbank, im Household Finance and Consumption Survey der Europäischen Zentralbank, im Sozio-ökonomischen Panel des DIW Berlin und im Survey of Consumer Finances der US-Notenbank. Prüfen Sie bei jeder Zahl, ob pro Haushalt oder pro Person gerechnet wurde, ob Rentenanwartschaften enthalten sind und wie die Immobilie bewertet wurde. Danach behandeln Sie das Ergebnis als Hintergrund und nicht als Zeugnis. Aussagekraft hat nur die Richtung Ihres eigenen Nettovermögens über mehrere Jahre, gemessen nach immer denselben Regeln.

Geben Sie „Nettovermögen nach Alter“ in eine Suchmaschine ein, und nach wenigen Sekunden haben Sie eine Tabelle vor sich. Sie sieht amtlich aus. Meistens erfahren Sie aber nicht, aus welcher Erhebung sie stammt, welches Jahr sie beschreibt, welches Land sie abdeckt und was überhaupt als Vermögen gezählt wurde. Genau diese vier Fragen entscheiden das gesamte Ergebnis. Eine Tabelle, die keine davon beantwortet, ist keine Statistik, sondern Dekoration.
Woher die belastbaren Zahlen kommen
Für Deutschland ist die wichtigste Quelle die Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ der Deutschen Bundesbank. Die Befragten gehen darin ihre Bilanz Zeile für Zeile durch: Girokonto, Sparguthaben, Wertpapierdepot, Immobilie, Restschuld, Auto, Betriebsvermögen. Was nach Abzug aller Verbindlichkeiten übrig bleibt, ist das Nettovermögen. Dieselbe Erhebung bildet zugleich den deutschen Teil des Household Finance and Consumption Survey, den die Europäische Zentralbank koordiniert und den die nationalen Notenbanken durchführen. Erst diese gemeinsame Definition macht den Vergleich zwischen einem Haushalt in Portugal und einem Haushalt in Finnland überhaupt sinnvoll.
Daneben gibt es das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), das am DIW Berlin betreut wird und dieselben Haushalte über viele Jahre hinweg immer wieder befragt, sowie die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. In den USA liefert der Survey of Consumer Finances der Federal Reserve die Referenz; er erfasst sehr vermögende Haushalte bewusst überproportional, weil eine reine Zufallsstichprobe sie fast nie trifft und ein großer Teil des Gesamtvermögens genau dort liegt. Fehlen diese Haushalte, verschiebt sich die ganze Verteilung. Jede dieser Studien veröffentlicht ihre Methodik gleich mit. Das ist der langweilige Teil, den niemand liest, und zugleich der Teil, der darüber entscheidet, ob eine Zahl etwas bedeutet.
Durchschnitt und Median erzählen gegensätzliche Geschichten
Vermögen ist nicht verteilt wie Körpergröße. Die Verteilung ist stark rechtsschief, wie es in der Statistik heißt: Eine kleine Zahl sehr großer Vermögen zieht den rechnerischen Durchschnitt weit über den Punkt hinaus, an dem der mittlere Haushalt tatsächlich steht.
Stellen Sie sich als reines Rechenbeispiel einen Raum mit zehn Personen vor. Neun besitzen jeweils 50.000 €, eine besitzt 50 Millionen Euro. Der Median, also der Wert in der Mitte, wenn Sie alle zehn der Reihe nach aufstellen, liegt bei 50.000 €. Der Durchschnitt liegt bei über fünf Millionen. Beide Werte sind korrekt gerechnet. Der eine beschreibt fast alle im Raum, der andere beschreibt niemanden. Wenn eine Schlagzeile das durchschnittliche Vermögen einer Altersgruppe nennt und sich das wie ein Urteil anfühlt, spricht meistens die Arithmetik und nicht Ihre Lage.
Ein Perzentil ist ein Platz in der Schlange, keine Note
Im 60. Perzentil zu stehen heißt: 60 Prozent dieser Gruppe haben weniger als Sie. Ob Sie oder die Leute vor und hinter Ihnen auf irgendetwas vorbereitet sind, sagt dieser Rang nicht. Wenn der größte Teil der Schlange schlecht vorgesorgt hat, ist ein Platz weiter vorn keine Beruhigung. Und wenn der größte Teil der Schlange in einem Jahrzehnt gekauft hat, in dem Immobilien billig waren, ist ein Platz weiter hinten kein persönliches Versagen.
Wer neben Ihnen in dieser Schlange steht, ist außerdem eine Frage des Geburtsjahrs und des Wohnorts. Altersgruppen sind breit geschnitten, und die Spannweite innerhalb einer Gruppe ist größer als der Abstand zwischen zwei Gruppen. Wer lange studiert hat, fängt erst spät an zu verdienen und steht mit Ende zwanzig oft bei null; wer dabei BAföG bezogen hat, zahlt später einen Teil davon als zinsloses Staatsdarlehen zurück. Dafür steigt das Einkommen danach meist schneller. Wer mit 18 eine Ausbildung begonnen hat, sammelt im selben Alter schon über ein Jahrzehnt Entgeltpunkte in der gesetzlichen Rentenversicherung. Und wer beim Eigenkapital Hilfe aus der Familie oder eine frühe Schenkung bekommen hat, läuft ein anderes Rennen. Keine Tabelle hält diese Fälle auseinander.
Was mitgezählt wurde, verschiebt Ihren Platz
Die gesetzliche Rente ist dafür das deutlichste Beispiel. Wer über 27 ist und mindestens fünf Jahre eingezahlt hat, bekommt einmal im Jahr die Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung ins Haus, und darin steht ein künftiger monatlicher Betrag. In der Vermögensstatistik taucht dieser Anspruch trotzdem nicht auf, denn eine Haushaltsbilanz enthält üblicherweise nur, was sich verkaufen, kündigen oder auszahlen lässt. Für viele Menschen ist genau dieser Anspruch die wichtigste Absicherung im Alter, und er steht in keiner Vermögenstabelle. Bei der betrieblichen Altersversorgung und bei Riester-Verträgen kommt es auf die Vertragsform an: Wo ein Vertrag ein Guthaben mit einem Kontostand ausweist, wird er häufig mitgezählt, wo nur ein Anspruch auf eine spätere Rente besteht, meistens nicht. Es ist dieselbe Abgrenzungsfrage, die auch in Ihrer eigenen Aufstellung das liquide vom gesamten Nettovermögen trennt. Ähnlich uneinheitlich behandeln die Studien übrigens den Wert einer Firmenbeteiligung, die Autos und den Hausrat, weshalb sich der Blick in den Methodenteil lohnt, bevor Sie sich irgendwo einordnen.
Warum Deutschland ärmer aussieht, als es sich anfühlt

Wer die deutsche Vermögensverteilung mit der anderer Länder vergleicht, stellt schnell fest, dass das Medianvermögen hier niedriger ausfällt, als viele erwarten. Zwei Gründe wiegen schwer. Die Wohneigentumsquote ist niedriger als in den meisten süd- und osteuropäischen Ländern, und Wohneigentum ist genau der Posten, der in der Mitte der Verteilung das meiste Gewicht hat. Dazu kommt, dass der Anspruch aus der gesetzlichen Rentenversicherung, der hierzulande einen großen Teil der Altersvorsorge trägt, in keiner Vermögensspalte steht. Wer zur Miete wohnt und stattdessen jahrzehntelang Entgeltpunkte sammelt, erscheint in der Tabelle ärmer, ist deswegen aber nicht schlechter abgesichert. Das Papier lügt nicht. Es misst nur etwas Engeres als Sicherheit.
In der Mitte der Verteilung entscheidet die Immobilie
Wer in Deutschland eine Immobilie besitzt, hat sie in aller Regel als größten Vermögensposten in der Bilanz und die Restschuld bei der Bank als größte Verbindlichkeit. Das hat eine mechanische Folge: Das gemessene Vermögen dieser Haushalte bewegt sich vor allem mit den örtlichen Immobilienpreisen und mit dem Tilgungsstand, nicht mit einer Entscheidung, die jemand in diesem Jahr getroffen hätte. Beim üblichen Annuitätendarlehen bleibt die Monatsrate gleich, aber nur der Tilgungsanteil baut Vermögen auf, und der wächst mit jeder Rate, weil der Zinsanteil auf eine immer kleinere Restschuld schrumpft. Dieser stille Effekt wird unterschätzt. Zugleich dominiert damit ein einziger, schwer verkäuflicher Posten an einem einzigen Ort die gesamte Bilanz. Das ist eine Vermögensaufteilung, für die sich kaum jemand bewusst entschieden hat.
Für den Wert, den Sie ansetzen, gibt es hierzulande einen brauchbaren Anker. Die Gutachterausschüsse der Städte und Kreise werten die notariell beurkundeten Kaufverträge ihres Gebiets aus und veröffentlichen daraus Bodenrichtwerte und Grundstücksmarktberichte. Der Bodenrichtwert gilt für den Boden und hilft deshalb vor allem beim Haus mit Grundstück; für eine Eigentumswohnung enthalten die Marktberichte meist durchschnittliche Kaufpreise je Quadratmeter nach Lage und Baujahr. Wer damit rechnet statt mit dem Wunschpreis aus einem Onlineportal, bekommt eine ehrlichere Zahl in die eigene Bilanz. Und derselbe Mechanismus erklärt, warum Perzentiltabellen zwischen zwei Befragungsrunden springen: Eine bundesweite Preisbewegung bewertet Millionen Bilanzen gleichzeitig neu, ohne dass ein einziger Haushalt sein Verhalten geändert hätte.
Am Ländervergleich zerbricht die Aussagekraft
Zwei Haushalte mit denselben Vermögenswerten landen in ganz unterschiedlichen Perzentilen, je nachdem, in welche Verteilung man sie einordnet. Vor allem aber hängt der Bedarf davon ab, was der Staat bereits übernimmt. Wo die gesetzliche Krankenversicherung den Ernstfall trägt, spart niemand privat auf eine Operation. Wo unbefristete Mietverträge und ein starker Kündigungsschutz die Regel sind, wie in Deutschland, ist Mieten kein Warnsignal, sondern eine ganz normale Wohnform. Und wo die gesetzliche Rente einen großen Teil des Erwerbseinkommens ersetzt, muss das private Depot weniger leisten. Dazu kommt die Währungsumrechnung: Ein Wechselkurs vom Tag der Veröffentlichung sagt nichts darüber, was ein Betrag vor Ort tatsächlich kauft, dafür müsste man die Kaufkraft vergleichen. Sich an der Tabelle eines anderen Landes zu messen, ist interessant, taugt als Entscheidungsgrundlage aber nicht.
Wenn Sie schon eine Tabelle lesen, dann richtig
Vier Fragen kosten Sie etwa eine Minute. Aus welcher Erhebung stammt das, und finden Sie deren eigene Veröffentlichung statt eines Screenshots davon? Welches Jahr deckt die Befragung ab, wohlgemerkt das Jahr der Interviews und nicht das der Pressemitteilung? Welches Land oder welchen Währungsraum? Und wird pro Haushalt oder pro Person gerechnet? Der letzte Punkt richtet mehr Verwirrung an als alle anderen zusammen, denn ein Paar als eine Einheit und dieselben zwei Personen einzeln gezählt ergeben aus demselben Vermögen sehr unterschiedliche Zahlen. Beantwortet die Seite vor Ihnen das nicht, schließen Sie sie und gehen Sie zur Erhebung selbst. Deren Übersichtstabellen sind lesbarer als ihr Ruf.
Der Vergleich, der Ihnen wirklich etwas sagt
Auf Ihre Entscheidungen reagiert nur eine Messgröße, nämlich Ihr eigener Verlauf. Notieren Sie einmal im Quartal am selben Stichtag, was Sie besitzen und was Sie schulden, immer nach denselben Regeln: Depotauszug zum Quartalsende, Kontostände desselben Tages, Restschuld aus dem aktuellen Tilgungsplan der Bank, die Immobilie immer mit demselben Wert. Nach zwei oder drei Jahren haben Sie eine Kurve, die wirklich etwas über Sie aussagt. Wichtiger als Genauigkeit ist dabei, dass Sie jedes Mal gleich rechnen: Dann gleichen sich kleine Bewertungsfehler über die Zeit aus, während ein Methodenwechsel mittendrin die ganze Reihe entwertet.
Was das bringt, zeigt ein Beispiel mit runden Zahlen. Angenommen, Sie legen im Jahr 6.000 € zurück und Ihr Nettovermögen steigt um 8.000 €. Dann stammen 2.000 € aus etwas anderem als Ihren Einzahlungen: aus Kursbewegungen, aus einer Neubewertung der Immobilie, aus getilgter Restschuld. Jetzt sehen Sie, welcher Motor Ihre Bilanz antreibt, und Sie können abschätzen, ob Sie auch dann vorankämen, wenn der Markt ein Jahr lang stillsteht. Diese Frage beantwortet Ihnen keine Perzentiltabelle, weil sie Sie nicht kennt.
Schauen Sie sich die echte Verteilung ruhig einmal an, wenn Sie ein Gefühl für die Größenordnungen brauchen. Die tatsächliche Form der Kurve zu sehen, ist besser, als sich an den lautesten Stimmen im Netz zu orientieren, die für niemanden repräsentativ sind. Dann schließen Sie die Tabelle und tun das Nützliche: Schreiben Sie die heutigen Vermögenswerte und die heutigen Schulden auf, notieren Sie das Datum und setzen Sie sich eine Erinnerung auf den Tag in drei Monaten. Zweimal wiederholt, und Sie haben Zahlen zu Ihrer eigenen Richtung, jedes Mal gleich gemessen, in einer Verteilung aus genau einer Person.
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Zusammenfassung
Tabellen zum Nettovermögen nach Alter kursieren ohne Quelle, Jahr und Definition. Hier steht, welche Erhebungen belastbar sind und was sie über Sie nicht aussagen.
Verfasst von
Federico RomaldiMitgründer, Worthmap
Veröffentlicht: 14. August 2026
Federico ist Mitgründer von Worthmap, einer Vermögensplattform für Anleger, die es ernst meinen. Er kommt aus der Softwareentwicklung und ist seit Langem vom Value Investing überzeugt. Worthmap hat er gebaut, um die Lücke zwischen Vermögensübersicht und Anlageanalyse zu schließen.
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